Leben mit ME/CFS: Alltag neu lernen nach Covid-Infektion
Nach einer Covid-Infektion wird das Leben für viele zu einer neuen Herausforderung. ME/CFS zwingt Betroffene, den Alltag neu zu definieren und Prioritäten zu setzen.
Ich erinnere mich an einen Tagesausflug, den ich vor nicht allzu langer Zeit unternommen habe. Es sollte ein malerisches Wanderabenteuer werden, mit dem frischen Duft von Tannen und dem beruhigenden Plätschern eines kleinen Baches. „Früher bin ich durchs Leben galoppiert“, dachte ich mir, als ich nach der ersten Stunde bereits die ersten Anzeichen von Erschöpfung verspürte. Ein Gefühl, das ich lange Zeit nicht mehr kannte und das mich mehr als jede körperliche Ermüdung verunsicherte.
Die Diagnose ME/CFS – Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Erschöpfungssyndrom – kam wie ein Schatten, der sich unerwartet über mein Leben legte. Nach einer Covid-Infektion fiel es mir zunehmend schwer, die alltäglichsten Aufgaben zu bewältigen. Aus der Komfortzone der aktiven Lebensweise wurde ich in eine neue Realität katapultiert, in der sogar das Aufstehen aus dem Bett eine Herausforderung darstellte. Die Unbeständigkeit der Symptome machte es nicht einfacher: Tage voller Energie wechselten sich mit solchen ab, an denen ich mich nicht einmal an meinem Lieblingsplatz im Wohnzimmer aufhalten konnte.
Es ist bemerkenswert, wie schnell sich die Perspektive ändert, wenn man mit einer solch umfassenden Einschränkung konfrontiert wird. Die einfachen Dinge, wie das Zubereiten einer Mahlzeit oder das Lesen eines Buches, wurden zu Aufgaben, die ich sorgfältig planen und analysieren musste. Jede Aktivität wurde zu einem Abwägen von Kosten und Nutzen. Ich begann, meinen Alltag neu zu strukturieren und Prioritäten zu setzen. Termine wurden auf das Nötigste reduziert, und das zwar stimmungsvolle Treffen mit Freunden fand häufig nur über Videoanrufe statt – ein schaler Ersatz für die gewohnte Nähe.
Die Herausforderung bestand nicht nur in der körperlichen Erschöpfung, sondern auch in der psychischen Belastung. Die Frage, ob ich jemals wieder zu meinem alten Ich zurückkehren könnte, war ständiger Begleiter. Der Verlust von vielen Dingen, die ich früher als selbstverständlich erachtete, wurde zu einem tiefen Gefühl der Traurigkeit. Der Umgang mit dieser Traurigkeit verlangte von mir eine neue Form der Akzeptanz und die Fähigkeit, meine Lebensqualität in verbesserten kleinen Momenten zu finden.
Um mich selbst nicht in einer Abwärtsspirale der Verzweiflung zu verlieren, fand ich Trost in der Achtsamkeit. Das bewusste Erleben des Hier und Jetzt half mir, den Fokus von dem zu lenken, was ich verloren hatte, hin zu dem, was ich an Tagen voller positiver Erlebnisse zurückgewinnen konnte. Das Sitzen im Sonnenschein, das Hören von Vögeln oder einfach nur das Bewundern der Wolken am Himmel – all diese kleinen Dinge erhielten einen neuen Stellenwert. Sie wurden zu den Bausteinen eines neuen Alltags, in dem ich lernte, langsamer zu leben und das Tempo des Lebens neu zu definieren.
Der Austausch mit anderen Betroffenen öffnete mir eine weitere Tür. Das Wissen, dass ich nicht allein bin, half mir, mich in meiner Situation weniger isoliert zu fühlen. Erfahrungen von anderen, die ähnliche Herausforderungen durchleben, können wertvolle Lichtblicke bieten. Wir sprechen über Strategien, über Höhen und Tiefen, über Tage, an denen sich alles erträglicher anfühlt. Das Verständnis, das wir füreinander aufbringen, ist oft ein Lichtblick in der Dunkelheit der Ungewissheit.
Die alltägliche Realität mit ME/CFS durchlebt ein ständiges Auf und Ab. Es ist ein Prozess, der Geduld erfordert und das Bewusstsein schärft, dass jeder Tag neue Möglichkeiten und Herausforderungen mit sich bringt. Trotz der Schwierigkeiten habe ich gelernt, mich für die kleinen Erfolge zu feiern, für jene Momente, in denen ich mich in einem Zustand der relativen Normalität wiederfinde. Ein Gefühl, das nicht das alte, unbeschwerte Leben von früher ersetzt, aber mir dennoch die Möglichkeit gibt, die Schönheit des Lebens in einer neuen Form zu erkennen.
Es ist wichtig, die eigene Resilienz zu stärken und zu wissen, dass es nicht nur um die Rückkehr zu dem geht, was einmal war, sondern auch um die Akzeptanz dessen, was gerade ist. So bleibt mir die Hoffnung, dass ich nicht nur lerne, mit den Herausforderungen zu leben, sondern auch, dass ich dabei neue Wege finde, um Freude und Erfüllung zu erfahren – unabhängig davon, wie der Weg aussieht.